Zapatismus und Recht auf Stadt:
That’s the way we like it!

Seit dem Wochenende gibt es ein Wandbild des Fanprojektes St. Pauli Roar in der Gegengrade am Millerntor. Mit dem Roar Logo und Motto »para el barrio en resistencia « (Für das Viertel im Widerstand) soll die Verbundenheit zum Stadtteil und sozialen Bewegungen für Recht auf Stadt ausgedrückt werden. »Hier leben wir nicht nur Support und Fußball, hier sprechen wir auch über Aufwertung und Gentrifizierung auf St. Pauli von hier mischen wir uns ein, wenn es gegen Zwangsräumungen von Mieter_innen geht, von hier gehen wir los, um gegen die Vertreibung von Wohnungslosen an der Kersten Miles Brücke oder den Abriss der Esso-Häuser zu demonstrieren.«

Als Ausdruck unserer Solidarität mit den aufständischen, indigenen Gemeinden in Chiapas/Mexiko und als Beispiel für vereinsübergreifende Soidaritätsarbeit von Fans wurde ausserdem das Motiv eines zapatistischen Fallrückziehers mit dem Schriftzug „A la Libertad por el Futbol“ (Für die Freiheit durch den Fußball) übernommen.

Das Orginal stammt vom Graffiti Künstler Banksy, welcher bei einem Besuch der zapatistischen Gemeinden auch an Wandbildern in Chiapas arbeitete. Viele werden es auch wiedererkennen vom Casa Rebelde Banner im St. Pauli Forum, der ein oder andere als Roar Soli-T-Shirt.

Bekannt wurde es jedoch durch die »Initiative El Estadio del Bae« die von den Ultra Gruppen Venezia Mestre, Pisa und Ancona ins Leben gerufen wurde mit dem Ziel, ein Stadion in Chiapas zu bauen. Für sportliche Zwecke, aber auch für Märkte, Versammlungen, Feste und Treffen der autonomen Verwaltung. Viele »Kurven« sammelten mit Aktionen, Partys und Konzerten für das Stadion, neben 40 italienischen Fanclubs auch Fans aus Innsbruck, Wien, Bordeaux, Düsseldorf, vom FC St. Pauli und Manchester. In Italien wurden Schals in den verschiedensten Vereinsfarben mit dem verbindenden Emblem von »El estadio del Bae« verkauft, dem Motiv von Banksy, welches nun auch in der Gegengrade an diese Faninitiative erinnert.

Die Idee des Stadions in Chiapas entstand in einer linken Ultra-Gruppe, in der Francesco Romor, genannt »Bae« aktiv war. Dieser starb am 13. Februar 2001. Im Buch Futbolistas schreibt Dario Azzellini: »Er sprach in der »Kurve« immer am meisten von den Zapatistas, er hatte alle Initiativen im Stadion gegen den Krieg und gegen Rassismus mitgemacht und war an den sozialen Kämpfen in der Stadt beteiligt gewesen. […] Einen Monat später hätte er mit weiteren Ultras nach Mexiko fliegen sollen und auch die zapatistischen Gebiete besuchen. Doch weil Freundschaft und Solidarität unter Ultras wirklich groß geschrieben werden, beschlossen seine Freunde, Bae trotzdem nach Chiapas »zu bringen« und es entstand das Projekt »El estadio del Bae«.

Zwischenzeitlich waren 40 Fangruppen aus ganz Europa beteiligt. Schließlich wurde mit der zapatistischen Gemeinde Guadalupe Tepeyac ein Partner gefunden. Nachdem dort 7.000 stationierte Soldaten abzogen, begann die Bevölkerung wieder zurückzukehren. Ein Kollektiv des Polytechnischen Instituts in Mexiko Stadt übernahm die Bauzeichnungen während in Italien Geld gesammelt wurde. Nach weiteren Diskussionen mit der Gemeinde begann die Arbeit der Baubrigaden. Doch nicht am Stadion. Zunächst wurden eine Schreinerei und eine Mechanikwerkstatt errichtet, die Latrinen ausgebessert und eine Wasserleitung zum Dorf verlegt. Die italienische Seite vom Estadio musste lernen, dass das ursprüngliche Projekt eher ihrer Selbstverwirklichung als den Bedürfnissen der Gemeinden entsprach.

So wurde ein Speisesaal gebaut, ein Herbolarium für Naturmedizin und ein »Konservierungshaus« für die Haltbarkeit von Lebensmittel. Ein Wasserprojekt wurde an das zapatistische Projekt »Wasser für alle« angekoppelt. Über Besuche sind auch neue Projekte entstanden, die z.B. der Unterstützung von Mikrokliniken und einem zapatistischen Krankenhaus dienten.

Doch auch zwei Fußballfelder wurden irgendwann tatsächlich ausgebessert und das in Guadelupe Tepeyac bekam sogar eine Holztribüne. Zur Eröffnung eines internationalen Fanturnieres in Chiapas erklärte das Estadio-Komitees : »Am Anfang haben wir uns euch angenähert mit der Vorstellung, Francesco mit dem Bau eines Fußballplatzes zu gedenken, aber indem wir mit euch allen gesprochen haben, haben wir andere Notwendigkeiten verstanden und diesen haben wir uns verpflichtet … die Hilfe, die wir gegeben haben, ist wenig im Vergleich zu dem was wir bekommen haben. Wir haben die Lust zu träumen wiedergefunden. Und mit uns viele andere, sehr viele. Fans, die die romantische Seite des Fußballs wiederentdeckt haben. Jugendliche, die ihre Augen zur Welt geöffnet haben.«

Mehr über das Estadio del Bae könnt ihr im lesenswerten Buch von Assoziation A nachlesen, aus dem auch wir zitiert haben:
Futbolistas: Fussball und Lateinamerika:
Hoffnungen und Helden, Politik und Kommerz
von Dario Azzellini und Stefan Thimmel

Oder Online bei http://www.oeku-buero.de/info-blatt-76/articles/zapatismus-fussball-und-rebellion.html

Mehr zum Zapatismus findet ihr auf:
http://www.cafe-libertad.de
http://www.chiapas.eu
http://www.chiapas.ch